1. Mai 2026
Regen rinnt in kleinen Bächen über mein Gesicht,
Bin durchnässt bis auf die Haut, doch ich wehre mich nicht.
Als ich ein Kind war, fand ich mich zu klein
Und wollte gern ein kleines Stückchen größer sein.
Da hört’ ich eines Tages, daß der Regen im Mai
Für die Wunscherfüllung und das Wachstum zuständig sei.
So kam es, dass ich im Frühling tagelang
Vor der Haustür stand und die Wolken besang:
Mairegen lass mich wachsen,
Mairegen mach mir Mut,
Mairegen lass mich glauben,
Alles wird gut.
Manch kindlicher Kinderglaube verlässt dich im Leben nie.
Schließlich bin ich heut größer als Berlusconi, größer als Sarkozy.
Darum ist es klug, du führst auf Schritt und Tritt
Eine kleine Regenwolke mit dir mit,
Denn im Leben kommt es manchmal knüppeldick
Und du glaubst, du hast die Wahl nur zwischen Kugel und Strick.
Wenn das letzte Fünkchen Hoffnung dich verläßt,
Hältst du dich an einem kleinen Kinderreim fest:
Mairegen lass mich wachsen,
Mairegen mach mir Mut
Mairegen lass mich glauben,
Alles wird gut.
Ich war fast immer brav im Leben,
Hab immer das gute Händchen gegeben,
Ich war das Kind, das niemals weint.
Ich hab bei Tisch immer grade gesessen,
Hab brav meinen Teller leergegessen,
Damit für alle die Sonne scheint.
Nun weiß ich nicht, was ich mit so viel Sonne soll,
Soviel blauen Himmel brauch ich nicht,
Ach wär doch mein Teller wieder voll
Und der Regen fiele auf mein Gesicht!
Mairegen komm und regne,
Regne in mein Herz,
Regne meinen Kummer fort,
Lindere meinen Schmerz.
Mairegen lass mich wachsen,
Mairegen mach mir Mut,
Mairegen lass mich glauben,
Alles wird wieder gut.
Hoffmann von Fallersleben: „Mairegen macht, dass man größer wird“
Aus „Mairegen“, 2010
PS. https://www.shz.de/deutschland-welt/schleswig-holstein/artikel/maehfreier-mai-gegen-die-gruene-wueste-50581963
Foto © Hella Mey