Und in der Uckermark

Warum in aller Welt nur habe ich, verflucht,
Warum zur Hölle hab ich diesen Urlaub gebucht?
Jetzt mal ehrlich, Freunde, ich hab’ sie doch nicht alle:
Mitten in der Hochsaison für 14 Tage nach Malle!
Jetzt ist’s zu spät für’s Storno, das heißt ich muss früh aufstehn,
Blumen gießen, Müll raustragen, Wasserhahn zudrehn,
Mir die Zunge noch mit Kaffe verbrüh’n beim Frühstück runterschlingen,
Den Hausschlüssel zum Nachbarn und die Koffer runterbringen.
Ich bin schweißgebadet, der Lendenwirbel knackt,
Dabei hab ich diesmal nur das allerwichtigste gepackt:
Trachtenjacke, Luftmatratze, Duden, Durchfalltabletten,
Deutschen Kaffee, Pumpernickel und die Tofubouletten.
Gähnend steh ich auf dem Bürgersteig im ersten Dämmerlicht
Und warte, dass das Taxi kommt... Taxi kommt nicht.

Und in der Uckermark wacht jetzt Templin grade auf,
Und das Korn wogt im Wind im Boitzenburger Land,
An der Landstraße öffnet der Kirschenverkauf,
Und ich warte gespannt,
Ein Depp am Straßenrand,
Einen Koffer in jeder Hand.

Taxi kommt leider doch, am Rückspiegel baumelt ein grüner Baum,
Und das verheißt Pumakäfiggeruch im Fahrgastraum.
Die Musik und das Gelaber, dieser Taxler macht mich alle
Und entlässt mich ins Spalier der aschfahlen Raucher vor der Abflughalle.
Schnell durch den blauen Todesatem der Gelbfinger gehn,
Und mit verirrten Seelen in der Warteschlange stehn,
Wo Senioren vor mir in Erwartungsstarre verharren,
Und mir von hinten in die Haxen fahr’n mit ihren Kofferkarren.
Schließlich Einsteigen, im Gang rumstehen, die Kinder schrein’n,
Das viele Handgepäck verstauen in den viel zu engen Reih’n,
Eingepfercht im Mittelsitz zwischen Mallorcakennern,
Cremefarbenen Rentnern und Ballermännern
Auf dem Weg zu einem dieser sogenannten Traumhotels,
Da frisst du dir fünf Kilo an und versengst dir den Pelz!

Und in der Uckermark schmeckt es nach Bärlauch und Dill,
Und der Waldmeister duftet im Gerswalder Wald.
Vor der Laube qualmt traulich die Wurst auf dem Grill,
Und ich sitz festgeschnallt,
Und der Bordsnack ist kalt,
Furztrocken und irgendwie alt.

Das Hotel sieht doch ganz anders aus als im Prospekt,
Das Apartment ist ein Wohnklo und die Spülung ist defekt.
Rechts neben mir ein Jungesellenabschied auf dem Zimmer,
Ok, Jungesellinnenabschied wär wohl noch ‘nen klein’ Tuck schlimmer.
Die Wände sind aber auch wirklich dünn wie aus Papier.
Ein Paar gerät in Liebesrauch im Zimmer links von mir.
Egal, Stöpsel ins Ohr, ich brauch den Schlaf, ich will mich nicht aufregen,
Ich muss um 5 Uhr raus, mein Handtuch auf die Liege legen,
Weil ich, wie jeder Deutsche weiß, dass um 6 Uhr prompt
Der erste Engländer mit seinem Handtuch kommt.
Vorm Balkon steht vor dem Meerblick eine Bauruine,
Die nutzen die Nachtschwärmer auch gern als Latrine,
Und die gutgelaunten Kölner singen beim Pinkeln, es sei
Am Rhein so schön... dat is prima, ja da sind wir dabei!

Und in der Uckermark singt leis die Amsel im Nest,
Und durchs Dorf plätschert kühl der kristallklare Bach.
Auf dem Tisch liegt die Einladung zum Gartenfest,
Und ich liege wach,
In diesem Ungemach,
Der Hitze, dem Mief und dem Krach.

Am Buffet dann zwischen Radlerhosen Schlange stehn,
Beine in Leggins, die wie pralle Presswürste aussehen,
Netzhemden, Bikinis, Kindern mit dicken Backen,
Die den Boden vollkleckern und sich Berge von Essen auf die Teller packen.
Liege an Liege dann am Pool, wie auf dem Friedhof aufgebahrt,
Eingefettet und Öl triefend, von der Sonne gegart.
Männer, die beim Umziehen sich schamhaft vornüber neigen,
Und etwas stachliges wie baumelnde Kastanien zeigen.
Wichtigtuer, die lauthals telefonier’n,
Muckibuden-Schönlinge, die Yoga simuliern,
Vom Poolrand springen und wie Walrösser schnaufen,
Teenies, die mit langen Strohhalmen aus Eimern saufen,
Klebrig rotes Zeug bis zum Verlust des Gleichgewichts.
Mancher verträgt‘s, mancher erbricht‘s - aber ohne meinen Knalltours sag ich nichts!

Und in der Uckermark rankt wilder Wein am Spalier,
Und mein Nachbar schraubt zärtlich an seinem Trabant,
Im Eimer kühlt prickelnd das Märkische Bier,
Und hier am penetrant
Versifften Beckenrand -
Kühle ich meinen Sonnenbrand

14 Tage sind geschafft, endlich, mein Rückflug-Termin grüßt,
Endlich heimwärts, endlich hab’ ich meinen Urlaub abgebüßt.
In der Abflughalle drängeln sich gebräunte Menschenmassen,
Die beim Einsteigen ins Flugzeug sich mal so richtig Zeit lassen.
Der angetrunkne Schwätzer sitzt wie immer neben mir,
Applaudiert bei der Landung: Berlin, hier kommen wir!
Auf der Flugzeugtreppe schlägt mir peitschender Regen
Und am Gepäckband die Berliner Freundlichkeit entgegen:
„Jetzt mach schon, Opa, komm, beweg deinen Arsch!“
Mein Koffer kommt als letzter. Auf dem Zickzack Marsch
Durch die Abholer und die sich Küssenden zu den Taxen
Rammt mir ein Rentner schnell noch seinen Koffer in die Haxen.
Hallo Taxi! Am Rückspiegel baumelt ein grüner Duft-
Baum, der Sensemann fährt höchstpersönlich und es riecht wie in der Gruft
- Berliner Luft

Und auf Mallorca blüht jetzt duftend die Bougainvillée,
Carmencita bringt tänzelnd den Apéritif,
Der Rumäne spielt Flamenco vorm Hafencafé ...
Und so ganz instinktiv
Buch ich definitiv
Gleich noch heut zum Frühbuchertarif.

Aus "Mr. Lee LIVE", 2018

Fotos © Hella Mey