Lieber kleiner Silvestertag

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Lieber kleiner Silvestertag, bist so mutig aufgewacht,
Hast dich für deinen Abschied schon festlich zurechtgemacht.
Von Narren schon seit Tagen vor deiner Zeit herbeigeknallt,
Musst du heut glitzern und lustig sein und sei es mit Gewalt.
Mit so viel Wünschen und Sehnsüchten überfrachtet,
So viele Glückshypotheken hängen dir an,
Nur der arme alte Karpfen, den man heut schlachtet,
In seiner Badewanne ist noch übler dran.

Die lausigste Kaschemme und der feinste Nobelschuppen hat
Die Tür’n verrammelt bis zur Nacht in dieser Geisterstadt.
Nur ein verfrühter Böller hallt durch die Straßenschlucht dann und wann,
Es gibt ja immer einen, der ’s Wasser nicht halten kann.
Doch Punkt acht kommen sie und sitzen wie die Deppen
Mit ihr’n Papierhütchen am Tisch wie angeschnallt
Vor endlosen Menus, die sich träg dahinschleppen,
Und bis der Teller auf den Tisch kommt, sind sie alt.

In Häusern und in Stuben dehnt qualvoll der Frohsinn sich dahin,
Gebiert die guten Vorsätze heut für den Neubeginn.
Luftschlangen und Eierlikör, der letzte Streit im alten Jahr,
Der gute Vorsatz schon vergeigt vorm 1. Januar.
So sitzen sie, so warten sie sprachlos zusammen
Vorm Flachbildschirm so wie in jedem Jahr und schaun
Den immer gleichen Zombies zu in den Unprogrammen,
Starr’n auf die Uhr und den erlösenden Countdown:

Beim Glockenschlag
Um Mitternacht
Kommt, kleiner Tag,
Die letzte Schlacht.

Dann probt die trunkene Nation johlend ihren Weltuntergang,
Schmerzlich entbehrter Monatslohn verpufft, Dreck und Gestank.
Blaulicht mischt sich ins Feuerwerk und Martinshorn in die Musik,
Auf den Fluren im Krankenhaus: Szenen wie im Krieg.
Kleiner Silvestertag, grad noch behängt mit Träumen,
Hast ausgedient, drei mal verleugnet, liegst du bald
Bei Flaschen, Böllern und entschmückten Weihnachtsbäumen,
Mit dem Gesicht nach unten auf dem Asphalt.

Armer kleiner Silvestertag, bist so mutig aufgewacht,
Hattest dich für diese Nacht so schön zurechtgemacht.