Daddy Blue

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Es ist Zeit, daß ich mir ein paar neue Freunde mach‘,
Und da dacht‘ ich mir: Erzähl‘ mal was von deinem Fach,
Also bitte, werfen wir zusammen einen Blick hinter die Kulissen,
Auf das schönste Beispiel, das man in der ganzen Branche kennt,
Auf den legendären Manager Carlo di Vidend,
Dessen finanzielle Lage war – mit einem Wort gesagt – sehr kritisch.
Aber grad‘, als er sich ganz und gar am Ende sah,
War die Rettung und ein güt‘ges Schicksal schon so nah,
Und dies Schicksal zeigte sich in Form des „Vorher“-Foto-Modells Detlef Kläglich.
Der stand neben ihm zufällig auf dem Bahnhofsklo,
Und er trällerte „Es fährt ein Zug nach irgendwo“.
Da war er auch schon entdeckt, so ist das Leben. In diesem Job ist das alltäglich!
There‘s no business, like showbusiness.

„Deine Stimme ist ja ungeheuer fotogen,
Sapperlot! Dich bring‘ ich ganz groß raus im Buntfernsehn“,
Und dann fügte er hinzu, weil Detlef offensichtlich nichts verstanden hatte:
„Mir kommt‘s nicht so auf das Intellektuelle an,
Mir reicht‘s, wenn ein Sänger seinen Namen schreiben kann.“
Und das konnte Detlef grad‘ man so und unterschrieb für seine erste Platte.
Nun begann an ihm die mühevolle Kleinarbeit,
Erstmal bastelte man ihm eine Persönlichkeit,
Richtete ihm seine Nase, stützte ihm den Bauch und glättete die Ohren.
Man teilte ihm eine neue, eig‘ne Meinung zu,
Machte aus dem Namen Detlef Kläglich: Daddy Blue.
Es war noch kein Ton gesungen, aber schon stand fest, da war ein Star geboren!
There‘s no business, like showbusiness.

Die Musikaufnahmen gingen nicht so flott von der Hand,
Obwohl Daddy keinerlei Bildung im Wege stand
Und die geistige Ebene seines Schlagers seiner glich, drohte die Katastrophe.
Zwar war ihm, und das ist in diesem Job schon allerhand,
Der Unterschied zwischen Noten und Fliegendreck bekannt,
Doch trotz allem, nach zwei Wochen übte er noch immer an der 1. Strophe.
Aber Gott sei Dank ist das ja nun nicht etwa so,
Daß ein Sänger auch noch singen können muß, denn wo
Wär‘n die Tänzer und die Boxer und die Schauspieler, die glauben, daß sie singen.
Nein, der Daddy traf den Ton ab und zu mit viel Glück,
Daraus schusterte der Toningenieur Stück für Stück
Daddy‘s erste Single „Kopf hoch Baby, los, komm Boogie, die Bouzukis klingen“,
There‘s no business, like showbusiness.

Nun, der Text des Schlagers war die Art Lyrik, die man
Auch als Vollidiot noch mühelos erfassen kann.
Dafür hieß es in der Werbung „Aus dem Text läßt sich manch‘ Denkanstoß erfahren.“
Die Musik lag zwischen Schuhplattler und Rock‘n Roll,
Was zum Mitklatschen natürlich, aber anspruchsvoll.
Kurz und gut, ein Stück Musik für Leute, die ihr Hirn im Tanzbein aufbewahren.
Bei so vielen guten Zutaten ist jedem klar,
Daß die Nummer bald in allen Hitparaden war.
Und daß auch ein bißchen Schiebung mithalf, ist natürlich böswillig erfunden.
Dank sei nur Daddy‘s Talent, hob man gekränkt hervor,
Und die ganze Presse jubelte ihn hoch im Chor,
Und das Fernsehen gab ihm gleich die Samstagsabendshow von knapp zwei Stunden,
There‘s no business, like showbusiness.

Daddy hüpfte durch die Show, denn wenn man Dünnes singt,
Tut man gut dran, wenn man ab und zu die Hüften schwingt,
Und dann sang er auch noch „Yesterday“, um seine Vielseitigkeit zu beweisen.
Seine Show errang beim Festival in Papendiek
Prompt die „Goldne Offne Hand“ der Fernsehkritik,
Und eine Expertenjury krönte Daddy Blue mit zwei Schallplattenpreisen.
Aber über alle Preise hatte man zuletzt
Uns, das dumme Publikum, ganz einfach unterschätzt,
Das sich doch hartnäckig weigerte, „Los, Kopf hoch, Baby“ käuflich zu erwerben,
Denn einmal fühlt auch der letzte Trottel sich verkohlt,
Daraufhin hat man die Show noch zweimal wiederholt,
Und als es immer noch nicht klappen wollte, ließ man Daddy Blue ganz leise sterben,
There‘s no business, like showbusiness.

Der Manager macht längst neues Talent, neues Glück.
Detlef Kläglich findet schwer zur Wirklichkeit zurück,
Und er tastet sich ganz langsam aus dem Scheinwerferlicht wieder in den Schatten.
Und das Showgeschäft hat Detlef Kläglich gründlich satt,
Er hat jetzt ‘nen Job als Journalist beim Tageblatt,
Als Musikkritiker, da schreibt er über Konzerte und neue Platten,
There‘s no business, like showbusiness!