Charlotte

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Ich denk‘ nach all den Jahren
Schreib‘ ich Ihnen doch einmal.
Der Abstand läßt mich vieles klarer sehen
Und mich Ihnen offenbaren,
Die Sie überm düst‘ren Tal
Meiner freudlosen Schulzeit als die einz‘ge Sonne steh‘n.
Sie schleusten mich mit Dreistigkeit –
Und listenreich dazu –
Durch Prüfungen, Versetzungen, Komplotte!
Verzeih‘n Sie, doch aus Dankbarkeit
Erlaub‘ ich mir das „Du“.
Ich grüße Dich „hochachtungsvoll“, Charlotte!

Um mein kleines Glück bestohlen,
Hab‘ ich mich doch um Sympathie,
Um Achtung meiner Lehrer abgestrampelt.
Aber mit den Nagelsohlen
Der Pädagogik haben sie
Auf meiner Kinderseele rumgetrampelt.
Und die kleine Persönlichkeit
Hatten Sie in kurzer Frist
So lebensfroh wie eine tote Motte,
Und wenn sie an der Grausamkeit
Nicht zerbrochen ist,
Dann ist das allein Dein Verdienst, Charlotte!

Ich wusch Dr. Lenz den Wagen,
Hab‘ Frau Drews Fahrrad geputzt,
Freiwillig den Tafeldienst übernommen.
Hab‘ das Klassenbuch getragen,
Es hat alles nichts genutzt,
Ich bin nie von der Eselsbank weggekommen.
Und all meine Lehrer fanden,
Als Schulabgangsprüfung war,
Daß mein Bildungsstand jeder Beschreibung spotte.
„Und ich sag‘, er hat bestanden!“,
Herrschte eine Stimme „Klar?“.
Und Dir widersprach man nun mal nicht, Charlotte!

Daß das Bäumchen grad‘ zu stehen
Und Baum zu werden begann,
Von den Steißtrommlerseelen unbezwungen,
Daß ich heut‘ aufrecht gehen
Und selbst zurücklächeln kann,
Trotz der Bosheiten und Erniedrigungen,
Dank‘ ich dir, und das zu sagen,
Such‘ ich lang schon, doch erst nun,
Wo ich die Schulzeit endgültig einmotte,
Will ich es noch einmal wagen
Und mit diesen Zeilen tun!
Ich denk an Dich voll Zärtlichkeit, Charlotte!