Altes Kind

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Ich hatte mir doch ganz fest vorgenommen,
„Sitz still“ und „die Ellenbogen vom Tisch“
Würde mir nicht über die Lippen kommen.
Daß ich mich doch dabei erwisch‘!
„Mach die Tür zu, ohne sie zuzuschlagen“
„Sieh auf die Uhr!“, „Du hast den Bus verpaßt!“
„Muß ich denn immer alles dreimal sagen?“
Wie hab ich diesen Spruch als Kind gehaßt!

Schade, daß wir nicht zusammengehen
Können. Schade, daß da die Jahre zwischen uns sind.
Dabei kann ich dich so gut verstehen,
Ich bin doch selber nur ein altes Kind.

Hab‘ ich denn ganz jeden Vergleich verloren?
Was ist das für ‘ne Tugend: Pünktlichkeit?
Was ist denn ein Heft ohne Eselsohren
Gegen Güte und Friedfertigkeit,
Den Mut, den Witz, das Aufstehn für den Schwachen?
Ich habe viel über uns nachgedacht, –
Ich wollte alles nur ganz richtig machen
Und hab‘ doch alles falsch gemacht!

Schade, daß wir nicht zusammengehen
Können. Schade, daß da die Jahre zwischen uns sind.
Dabei kann ich dich so gut verstehen,
Ich bin doch selber nur ein altes Kind.

Ich versuch‘, dir ein Vorbild vorzuleben
Und bin doch selber unsicher und schwach.
Ich versuch‘, dir die Antworten zu geben
Und such‘ selbst immer noch danach!
Und wenn ich so meine Erfahrungen siebe,
Seh ich, daß ich nicht sehr viel weiß, mein Kind,
Daß nur diese Erkenntnis und die Liebe
Die Pfeiler meiner ganzen Weisheit sind.

Ich bin Vergangenheit und du bist Morgen,
Machst deinen Weg, ich zweifle nicht daran,
Wenn nicht in Weisheit, so in Liebe geborgen.
Und ich mach‘ mit Liebe alles falsch, so gut ich kann.
Schade, daß wir nicht zusammengehen
Können. Schade, daß da die Jahre zwischen uns sind.
Dabei kann ich dich so gut verstehen,
Ich bin doch selber nur ein altes Kind.