Mairegen

Regen rinnt in kleinen Bächen über mein Gesicht,
Bin durchnäßt bis auf die Haut, doch ich wehre mich nicht.
Als ich ein Kind war, fand ich mich zu klein
Und wollte gern ein kleines Stückchen größer sein.
Da hört’ ich eines Tages, daß der Regen im Mai
Für die Wunscherfüllung und das Wachstum zuständig sei.
So kam es, daß ich im Frühling tagelang
Vor der Haustür stand und die Wolken besang:

Mairegen laß mich wachsen,
Mairegen mach mir Mut,
Mairegen laß mich glauben,
Alles wird gut.

Manch kindlicher Kinderglaube verläßt dich im Leben nie.
Schließlich bin ich heut größer als Berlusconi, größer als Sarkozy.
Darum ist es klug, du führst auf Schritt und Tritt
Eine kleine Regenwolke mit dir mit,
Denn im Leben kommt es manchmal knüppeldick
Und du glaubst, du hast die Wahl nur zwischen Kugel und Strick.
Wenn das letzte Fünkchen Hoffnung dich verläßt,
Hältst du dich an einem kleinen Kinderreim fest:

Mairegen laß mich wachsen,
Mairegen mach mir Mut
Mairegen laß mich glauben,
Alles wird gut.

Ich war fast immer brav im Leben,
Hab immer das gute Händchen gegeben,
Ich war das Kind, das niemals weint.
Ich hab bei Tisch immer grade gesessen,
Hab brav meinen Teller leergegessen,
Damit für alle die Sonne scheint.
Nun weiß ich nicht, was ich mit so viel Sonne soll,
Soviel blauen Himmel brauch ich nicht,
Ach wär doch mein Teller wieder voll
Und der Regen fiele auf mein Gesicht!

Mairegen komm und regne,
Regne in mein Herz,
Regne meinen Kummer fort,
Lindere meinen Schmerz.

Mairegen laß mich wachsen,
Mairegen mach mir Mut,
Mairegen laß mich glauben,
Alles wird wieder gut.

Hoffmann von Fallersleben: „Mairegen macht, daß man größer wird“

Aus "Mairegen", 2010

Foto © Hella Mey

It look's like you don't have Adobe Flash Player installed. Get it now.